„Alle Karten sind subjektiv und unvollständig“

Jerry Brotton ist Autor des Buches „Die Geschichte der Welt in zwölf Karten“ und Preisträger der Kategorie Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften. Im Interview spricht er darüber, was Kartografie und Literatur gemeinsam haben, weshalb man mit Google Maps kritisch umgehen sollte und warum er keine Empfehlungen für Karten abgeben kann.

wissenschaftsbuch.at: In einem Blogbeitrag schreiben Sie, dass Sie seit Ihrer Kindheit von Landkarten fasziniert sind. Woher kommt diese Faszination?

Landkarten haben eine ungeheure Macht. Sie erfüllen nicht nur die Funktion, uns den Weg von A nach B zu zeigen. Nein, es geht um viel mehr. Landkarten haben auch einen gewaltigen Einfluss auf unser Verständnis, wer wir sind. Denn sie beantworten die Frage: Wo bin ich? Dadurch helfen uns Karten auf vielfältige Weise, uns zu orientieren und Ordnung in die Welt zu bringen, von der wir umgeben sind – nicht nur im geographischen, sondern auch im philosophischen Sinn. Diese Macht beeindruckt mich schon seit langem. Aber meine Faszination für Landkarten ist noch weiter gestiegen, als ich 1990 in Deutschland gelebt habe. Gleich nach dem Mauerfall habe ich in Ostberlin gewohnt, wo mir ein Bildhauer vom Prenzlauer Berg eine außergewöhnliche Geschichte erzählt hat: Er sagte, als Ost- und Westberlin noch getrennt waren, konnte er die Radiosender aus Westberlin empfangen. Er stellte sich vor, wie die Straßen und Plätze auf der anderen Seite der Mauer aussahen, über die im Rundfunk berichtet wurden. Er hatte eine Karte, welche die Stadt vor der Teilung zeigte. Auf dieser Karte suchte er die Orte, von denen er im Radio hörte. In jener Nacht, in der die Mauer fiel, spazierte der Bildhauer durch Westberlin. Plötzlich kam ein Mann auf ihn zu und fragte nach dem Weg. Natürlich wusste er nun, wohin er den Mann schicken musste – und das, obwohl er noch nie zuvor selbst dort gewesen war! In diesem Moment fühlte er sich nicht länger wie ein Ossi, er war mit einem Mal zu einem Deutschen geworden. Diese Geschichte ist ein tolles Beispiel dafür, wie sehr Landkarten die menschliche Identität und Orientierung prägen.  

Geschichte der Welt Cover

Keine europäische, sondern eine globale Geschichte: In Brottons Buch sind neben bekannten Karten aus der westlichen Welt auch weniger bekannte Darstellungen aus dem Nahen und Fernen Osten vertreten.

Nach welchen Kriterien haben Sie die zwölf Karten ausgewählt, die Sie in Ihrem Buch präsentieren?

Es war mir ein großes Anliegen, mich dem Thema aus einer globalen Perspektive zu nähern. Ich wollte in meinem Buch keine rein europäische Sichtweise vermitteln, denn das haben schon viele andere vor mir gemacht. Landkarten werden häufig als die große Errungenschaft der westlichen Wissenschaft bezeichnet und Mercator im 16. Jahrhundert als der Begründer der objektiven Kartierung gefeiert. Doch das stimmt so nicht. Andere Kulturen haben schon deutlich früher Karten angefertigt, was aber viele Geschichtsschreiber vernachlässigen. „Die Geschichte der Welt in zwölf Karten“ zeigt daher sowohl einige sehr bekannte als auch einige weniger bekannte Kartografen und deren Landkarten. Um Ptolemäus bin ich wegen seiner Bedeutung für die antike Geografie in meinem Buch nicht herumgekommen. Ebenso konnte ich um Mercator schwer einen Bogen machen, weil seine Erdprojektion eine so wichtige Rolle spielt. Außerdem konnte ich die rasante Weiterentwicklung nicht ignorieren, die Karten derzeit online durchlaufen. Also lag es auf der Hand, das letzte Kapitel Google zu widmen. Aber dazwischen, auf dem langen Weg zwischen Ptolemäus und Google, wollte ich weniger bekannte Geschichten erzählen, zum Beispiel über die Kartografie in Südostasien. Im Buch findet sich etwa die Kangnido-Weltkarte von 1402, die belegt, dass in Korea durch den Einfluss Chinas tolle Karten entstanden sind; Karten, auf denen auch Europa abgebildet ist. Auf die islamische Welt gehe ich ebenfalls ein: Das zweite Kapitel rückt mit Al-Idrisis Karte aus 1154 wiederum eine nicht-christliche Kartentradition in den Mittelpunkt, die besonders interessant ist, weil sie Einflüsse verschiedener Kulturen vereint. Al-Idrisi hat hier griechische, römische und islamische Quellen vermischt. Ich glaube nicht, dass die zwölf Karten, die ich für das Buch ausgewählt habe, die zwölf wichtigsten Karten auf der Welt sind. Aber sie stehen symbolisch für meine Auffassung, dass die Geschichte der Kartografie eine globale ist. Aus heutiger Sicht mögen manche der zwölf Karten unsinnig oder gar lächerlich erscheinen, etwa die mittelalterliche Karte aus der Kathedrale zu Hereford, auf der Monster vorkommen. Das Buch versucht zu zeigen, dass jede der Karten für die Betrachterinnen und Betrachter zu ihrer jeweiligen Entstehungszeit Sinn ergeben hat. Stellen Sie sich vor, Sie leben um 1300 im englischen Städtchen Hereford. Sie werden in Ihrem ganzen Leben vermutlich nie über die Grenzen Ihrer Stadt hinauskommen. Die Karte hat nicht die Funktion, Sie von A nach B zu bringen, denn Sie werden nicht von A nach B reisen. Stattdessen unterstreicht die Karte Ihren christlichen Glauben und das, was in der Kirche gepredigt wird.

Sie sind Literaturprofessor. Wie passt Ihr Interesse für Kartografie zu Ihrem Beruf?

Die Literatur ist voll von Autorinnen und Autoren, die eine große Begeisterung für Landkarten haben, zum Beispiel Luis Borges. Er hat eine Kurzgeschichte über eine Karte geschrieben, die so viele Details enthalten soll, dass sie im Maßstab 1:1 angefertigt werden muss. Wenn die Karte dieselbe Größe hat wie das Land, das sie abbildet, wird sie natürlich nutzlos. Auch Lewis Carroll und Italo Calvino waren von Karten fasziniert. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass eine Karte eine Metapher für das literarische Schreiben ist. Beide betrügen die Rezipientinnen und Rezipienten, indem sie ihnen Wirklichkeit vortäuschen. Eine Karte bietet uns nur eine Abbildung der Realität, nicht aber die Realität selbst. Der amerikanische Philosoph Alfred Korzybski hat so treffend gesagt: „Die Landkarte ist nicht die Landschaft.“ In der Literatur ist das ganz ähnlich. Auch Literatur kann nur ein Fenster in eine fiktionale oder non-fiktionale Welt, aber nicht diese selbst sein. Als jemand, der Literatur unterrichtet, habe ich einen anderen Blick auf Landkarten als Geografen. Natürlich haben auch Geografen schon Bücher über die Geschichte der Kartografie geschrieben, aber da geht es meist um wissenschaftliche Präzision und Objektivität. Ich erzähle eine andere Geschichte. Die These, die sich durch mein Buch zieht, ist, dass alle Landkarten subjektiv sind. Sie repräsentieren ein bestimmtes Weltbild und legen damit die Art und Weise fest, mit der wir über unsere Welt nachdenken. Das macht Karten so erfolgreich und spannend. Sie fangen das Weltbild einer bestimmten Kultur zu einer bestimmten Zeit ein und erhalten es für nachfolgende Generationen. Hinsichtlich der Objektivität und Subjektivität von Karten haben aber nicht nur unterschiedliche Professionen, sondern auch verschiedene Wissenschaftstraditionen unterschiedliche Auffassungen. Während die österreichisch-deutsche Tradition die Kartografie stets als Akt größter Präzision und wissenschaftlicher Exaktheit definiert, verbindet die angloamerikanische Tradition das Erstellen von Karten stärker mit Mutmaßungen und Fantasie. Das wird mir jedes Jahr erneut bewusst, wenn ich die ICHC-Konferenz (International Conference on the History of Cartography) besuche, und die Diskussion zwischen den Vertreterinnen und Vertretern beider Traditionen neu entfacht.  

Google-Suche nach Hotels in Wien

Hotel in Wien oder Chinarestaurant in London: viele Suchanfragen beantwortet Google mit einer Karte.

Warum können Karten Ihrer Ansicht nach nicht objektiv sein?

Wir finden in jeder Karte subjektive Elemente – von Ptolemäus bis Google. Warum das so ist? Die Erstellung von Karten unterliegt seit jeher bestimmten Motiven. Bei der Hereford-Karte waren religiöse, bei Mercator politische Interessen ausschlaggebend. Bei Google, Apple und Microsoft sind es vorwiegend ökonomische Interessen, die bestimmen, wie eine Karte aussieht, was auf ihr zu sehen ist und ebenso, was sie nicht zeigt. In diesem Sinne ähnelt mein ganzes Buch einer Landkarte, weil es bei der Auswahl der zwölf Karten ja auch um die Frage gegangen ist, was ich zeige und was ich weglasse. Mit Google Maps und den Karten von anderen großen Firmen müssen wir vorsichtig umgehen. Keines dieser Unternehmen hat sich dazu entschlossen, Kartenanwendungen zu entwickeln, weil es die Welt exakter abbilden möchte. Das bestreitet von den Verantwortlichen auch niemand. Das Engagement hat kommerzielle Gründe. Es fördert das Geschäft, wenn ein Produkt oder Dienstleistung mit einer Karte hübsch visualisiert wird. Google hat mir bestätigt, dass schon in mehr als 40 Prozent der Suchanfragen eine Karte als Antwort ausgegeben wird; etwa bei der Frage, wo sich das beste Hotel in Wien befindet; oder bei der Frage, wo das nächstgelegene Chinarestaurant in London liegt. Die Art der Suchanfragen beeinflusst das Aussehen der Karten, die wir als Suchergebnis erhalten. Im Moment sind die Karten nicht besonders gut, sie könnten jedenfalls noch viel besser sein. Doch das müssen sie gar nicht, denn sie funktionieren, wie sie sind, als das Beiwerk zu einer kommerziellen Botschaft. Das Beispiel, das ich an dieser Stelle immer wieder gern erwähne, ist jenes von den Townships in Südafrika. Auf Google Maps sucht man vergeblich nach den Grenzen dieser Siedlungsgebiete. Google hat kein Interesse am genauen Grenzverlauf in dieser Region, weil sie für das Geschäftsmodell kaum relevant sind.  

Hereford_Mappa_Mundi_1300

Karten sind keine neutralen Objekte, sie bringen bestimmte Weltanschauungen zum Ausdruck. Die Hereford-Karte aus 1300 steht im Einfluss religiöser Interessen.

Gilt für Landkarten also Ähnliches wie für Kolonialliteratur, von der ja behauptet werden kann, dass sie mehr über das Weltbild des Autors als über die Kultur aussagt, die sie beschreibt?

Ja, zwischen Kolonialliteratur und Kartografie gibt es einige Parallelen. Landkarten liefern Diskussionsstoff für die Frage, wie die Welt aussieht. Karten drücken aus, wie bestimmte Personen die Welt sehen. Insofern können wir aus Karten viel über die Personen erfahren, die sie gemacht haben. Dasselbe trifft auch auf Kolonialliteratur zu. Karten haben in der Geschichte der Menschheit häufig als ideologische Werkzeuge gedient, um bestimmte politische Interessen oder Herrschaftsverhältnisse zum Ausdruck zu bringen. Allerdings geht diese Macht nicht von Karten selbst aus. Keiner Karte ist es je gelungen, die Welt zu verändern. Aber sie wurde von Menschen dazu verwendet.

Nutzen Sie selbst Google and Google Maps?

Ich schätze, ich habe keine andere Wahl. Ich empfehle auf jeden Fall, mehr Open-Source-Anwendungen zu nutzen. Aber das ist oft schwierig, weil keine freie Software auch nur über annähernd so viele Ressourcen verfügt wie Google.

Ihr Buch ist in der englischen Originalfassung bereits 2012 erschienen. Befassen Sie sich auch derzeit mit Kartografie?

Derzeit bin ich an einem ganz anderen Thema dran: Ich schreibe ein Buch über Shakespeare. Aber ich möchte schon seit längerem auch ein anderes Buchprojekt umsetzen: Ich will ein Buch über Orte schreiben, die nicht existieren. Das wäre dann sozusagen die Kehrseite zu der „Geschichte der Welt in zwölf Karten“. Es wäre ein Buch über Parallelwelten und Fantasiestaaten, wie etwa Mittelerde in Tolkiens „Herr der Ringe“, aber auch über Orte, die zum Beispiel abhängig sind vom Glauben, wie Himmel und Hölle. Mit einem solchen Buch könnte ich einmal mehr zeigen, dass Karten uns auch dabei helfen, uns irreale Welten vorzustellen, und unsere Träume über utopische Orte beflügeln. Oscar Wilde hat gesagt: „Es interessiert mich keine Karte, wenn darauf nicht Utopia eingezeichnet ist.“ Dieser Satz ist großartig, denn natürlich ist es ein Widerspruch in sich. Aber es drückt den Wunsch aus, sich den eigenen Träumen hinzugeben und dem oft ernüchternden Alltag zu entfliehen. Abgesehen von dem Buch befasst sich noch ein zweites meiner Projekte mit Kartografie. Es ist nichts Literarisches, sondern eine Kunstinstallation, die ich gemeinsam mit einem guten Freund, Adam Lowe von Factum Arte, entwerfe. Wir wollen eine dreidimensionale Reliefkarte der Erde anfertigen. Sie würde in etwa so groß wie ein Fußballfeld sein und aus hunderttausenden unterschiedlich langen Holzpfählen bestehen, die in den Boden eingeschlagen werden. Der ideale Standort für unsere Installation wäre Venedig, denn wir würden die Karte fluten, um darauf hinzuweisen, dass die Welt infolge des steigenden Meeresspiegels allmählich ertrinkt. Unser Problem mit diesem Projekt ist, dass wir 1,5 bis 2 Millionen Euro an Fördergeldern benötigen. Momentan sieht es nicht danach aus, als könnten wir diese rasch auftreiben.  

Afrika, aufgebläht zu einem Ballon: Das Kartogramm aus dem Projekt World Mapper zeigt die globale Verbreitung von Aids. | © Copyright Sasi Group (University of Sheffield) and Mark Newman (University of Michigan)

Angenommen, Sie werden gebeten, eine Karte von der Welt von heute zu erstellen: Welche Tools würden Sie verwenden, und wie würde die Karte aussehen?

Das ist eine sehr gute Frage, aber hier stoße ich an meine beruflichen Grenzen. Wie ich bereits gesagt habe, bin ich kein Geograf. Ich untersuche die Geschichte von Landkarten und meine Aufgabe ist, darauf aufmerksam zu machen, wie Karten funktionieren, was sie in ihren Betrachtern auslösen und was sie ihnen vorenthalten. Die letzten Zeilen meines Buches lauten: „So etwas wie eine ‚zutreffende‘ Karte der Welt gibt es nicht und wird es niemals geben. Das Paradox besteht darin, dass wir über die Welt ohne Karte nicht Bescheid wissen können, sie aber auch nie definitiv mit einer Karte werden darstellen können.“ Damit spreche ich das Problem an, dass alle Karten subjektiv und unvollständig sind. Und damit ist auch klar, dass ich wahrscheinlich nie in die Situation geraten werde, dass ich eine Karte mit voller Überzeugung empfehlen kann. Ich werde immer das Bedürfnis verspüren, zur Vorsicht aufzurufen und zu sagen: Schauen Sie, was die Karte nicht zeigt und was die Motive für die Entstehung der Karte sind! Natürlich werde ich häufig darum gebeten, Karten zu empfehlen, aber das mache ich nicht. Es gibt ein einziges Projekt, das ich anderen ans Herz legen kann, weil es explizit darlegt, worauf es hinaus will – nämlich, uns mit akuten globalen Problemen konfrontieren. Das Projekt heißt World Mapper und wird von Danny Dorling, einem ausgebildeten Geografen und Professor in Oxford, geführt. Dorling verwendet als Grundlage die Mercator-Projektion und verzerrt sie, indem er sie mit verschiedenen Datensätzen überlagert. Seine Kartogramme liefern ein bizarres Bild von der Welt. Zum Beispiel hat Dorling die HIV-Verbreitung kartiert: Hier bläst sich Afrika bläst zu einem Ballon auf, während Europa, Nordamerika und Japan aus der Wahrnehmung verschwinden. Im Kartogramm über das BIP sehen die einzelnen Kontinente plötzlich ganz anders aus: Afrika schrumpft ins Nichts und Europa wird riesengroß.

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Das Interview wurde auf Englisch geführt.