„Kinder haben ein Anrecht auf eine vernünftige Antwort“

Karolin Küntzel hat mit „Wo kommt das her?“ das Wissenschaftsbuch des Jahres in der Kategorie Junior-Wissensbücher verfasst. Im Interview erklärt sie, wieso das Schreiben für Kinder eine größere Herausforderung als das Schreiben für Erwachsene ist, warum sie lieber an vielen Themen arbeitet als Expertin für ein bestimmtes Thema ist und weshalb auch Erwachsene mehr Fragen stellen sollten.

wissenschaftsbuch.at: Frau Küntzel, was ist Ihr Lieblingsgericht? Geben Sie beim Einkaufen der Zutaten auf die Herkunft der Lebensmittel Acht?

Die eine Lieblingsspeise habe ich nicht. Ich bin eher der Beilagenmensch. Wenn ich ins Restaurant gehe, suche ich mir das Gericht nach den Beilagen aus. Die Hauptzutat, zum Beispiel, welches Fleisch serviert wird, interessiert mich oft erst auf den zweiten Blick. Ich esse total gerne Gemüse und Obst, in der Regel das, was die Saison gerade hergibt. Ich habe das Glück, dass ich im ländlichen Raum lebe, wo noch recht viele Bauern in der Nähe sind. So habe ich die Möglichkeit, auch in Hofläden einzukaufen. Ich kaufe meistens frische Sachen, schon fertig Zubereitetes eher selten. Meine Tochter isst, so wie wohl jedes Kind, gern Hähnchen-Nuggets. Wenn ich fertige Nuggets für sie kaufe, gucke ich aber schon ganz genau auf die Packung, weil es mich interessiert, was da drin ist. Ich nehme dann zum Beispiel nichts, wo die Stücke zusammengeklebt sind oder wo weniger Hähnchen enthalten ist als Panade.  

Wo kommt das her? Coverausschnitt

Das Buch begibt sich auf die Spur der Dinge, die wir täglich nutzen.

Ihr Buch „Wo kommt das her?“ verfolgt den Herstellungsprozess für mehr als dreißig Alltagsgegenstände vom Rohstoff bis zum Endprodukt. Die Frage nach dem Ursprung und dem Weg der Konsumgüter bis zu den VerbraucherInnen hat mit dem wachsenden Nachhaltigkeitsbewusstsein in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Daher würde Ihr Thema sicherlich auch bei vielen erwachsenen LeserInnen auf Interesse stoßen. Dennoch haben Sie sich dafür entschieden, ein Sachbuch für Kinder zu verfassen. Warum?

Erwachsene nehmen Dinge oft einfach so hin, wie sie sind. Sie trauen sich nicht, Fragen zu stellen oder kommen nicht auf die Idee, genauer nachzufragen. Da macht sich kaum jemand Gedanken darüber, wie der Kühlschrank funktioniert, solange nicht, bis er kaputt ist. Da denkt auch keiner darüber nach, was mit Seidenraupen passiert. Kinder haben einen viel unbefangeneren Zugang zu Dingen, die sie nicht kennen. Sie sind von Natur aus neugierig und es ist ihnen auch noch nicht peinlich, zu fragen. Meine Tochter hat mir von Anbeginn an immer wieder ein Loch in den Bauch gefragt wegen aller möglichen Dinge. Ich habe immer den Standpunkt vertreten, dass Kinder eine ehrliche und vernünftige Antwort erwarten können, dass man Fragen nicht abtun kann, dass es also so etwas wie ein Anrecht auf eine vernünftige Antwort gibt. Kinder sind dankbar, wenn sie eine ausführliche Antwort bekommen. Sie finden das sehr erfrischend und spannend und können das auch zugeben. Darum ist es schön, für Kinder zu schreiben.  

Türkei

Der asiatische Kontinent ist seit der Antike für edle Gewürze und Seidenstoffe bekannt.

Was ist anders bzw. besonders, wenn man nicht für Erwachsene, sondern für Kinder schreibt?

Beim Recherchieren für ein Kinderbuch gehe ich anders heran als für ein Erwachsenenbuch. Um ein Kinderbuch schreiben zu können, muss ich selbst viel mehr von der Materie verstanden haben, als ich es müsste, wenn ich für Erwachsene schreibe. In Büchern für Erwachsene muss ich als Autorin nicht jedes Fremdwort hinterfragen und erklären. Ich setze einfach voraus, dass etwas schon bekannt ist. Aber Erwachsenensprache kann manchmal so schwer verständlich sein, dass es auch den Erwachsenen schwerfällt, nachzuvollziehen, was gemeint ist. Es gibt wahnsinnig viele Texte – Literatur, hochwissenschaftliche Studien – zu wirklich interessanten Themen, an denen viele Leute scheitern, weil sie zu komplex geschrieben sind. Strotzt ein Text nur so vor Nebensätzen und Fachwörtern, ist die Hemmschwelle, sich den Inhalten zu nähern, sehr groß. Dann haben auch viele Erwachsene keine Lust mehr, weiterzulesen und sich mit den Thema zu befassen. Für ein Kinderbuch muss ich das Thema bis ins kleinste Detail durchdrungen haben. Erst dann kann ich mich einfach ausdrücken. Genau darin liegt die Herausforderung: komplexe Sachverhalte so darzustellen, dass sie für jedermann verständlich sind, egal ob es ein Kind oder ein Erwachsener liest. Wichtig ist, dass der Text niederschwellig formuliert ist, dass er einen leichten Zugang bietet. Häufig geht es schneller, für Erwachsene als für Kinder zu schreiben. Nur weil Kinderbücher wesentlich einfacher wirken, sind sie deswegen ja nicht einfacher gemacht.

Was können auch Erwachsene aus Ihrem Buch lernen?

Also ich denke, da gibt es einiges, was Erwachsene genauso wenig wissen wie Kinder. Zum Beispiel habe ich von Erwachsenen mehrmals die Rückmeldung bekommen, dass sie auch nicht wussten, wie Seide von Seidenraupen gewonnen wird. Dass dafür Raupen getötet werden, war einigen von ihnen völlig neu. Ein gutes Kinderbuch kann auch für Erwachsene eine Bereicherung sein. Wenn ich für Erwachsene recherchiere, schaue ich mir auch Kinderbücher zu dem Thema an. Um einen ersten Zugang zu einem Thema zu bekommen, kann ein gutes Kinderbuch sehr hilfreich sein, unabhängig davon, dass man später noch viel tiefer recherchieren und sich vielleicht auch wissenschaftliche Texte und Statistiken angucken muss.  

suedafrika

In Afrika werden Metalle und Edelsteine in beachtlichen Mengen abgebaut.

Sie haben schon zu vielen verschiedenen Themen Sachbücher und Ratgeber publiziert. Welche Vorteile, aber auch Herausforderungen bringt es mit sich, nicht nur ein einziges Fachgebiet zu haben, sondern sich bei jedem Buchprojekt auf ein neues Thema einzulassen?

Für mich ist es genau das Richtige, mich ständig mit anderen Themen zu beschäftigen. Jedes neue Buch macht Spaß und langweilig wird mir dadurch auch nicht. Es macht Freude, in Regionen abzutauchen, die ich mir vorher noch nicht so genau angeguckt habe. Deshalb ist es auch immer wieder schön, wenn Verlage anfragen, ob ich mir vorstellen könnte, ein Buch zu diesem oder jenem Thema zu machen. Oft kann ich es mir vorstellen. Oft arbeite ich auch an mehreren Projekten parallel, die von der Thematik her unterschiedlich sind. Das finde ich großartig. Egal, welches Thema es ist: Ich lerne immer noch etwas dazu, werde also mit jedem Buch selbst ein Stück klüger. Dieses breite Themenspektrum kann aber auch ein Problem sein. Nicht für mich, aber für andere Menschen. Schnell steckt man dann in einer Schublade und die Arbeit wird als oberflächlich abgewertet, wenn man sich nicht ausschließlich nur mit einem Thema beschäftigt. Ich habe das Gefühl, es ist eine typisch deutsche Mentalität, dass Expertentum höher bewertet wird als ein breites Themenspektrum. Es wird erwartet, dass man sich in ein einziges Thema oder Hobby verbeißt und dann nicht mehr nach links oder rechts guckt. Über viele Themen zu schreiben, macht mehr Arbeit, denn ich muss für jedes neue Thema neu recherchieren, was viel Zeit kostet. Das hätte ich nicht, wenn ich mich immer nur mit einem Sujet beschäftigen würde. Inzwischen bekomme ich aber auch immer mehr Aufträge für Bücher, die in dieselbe Richtung gehen wie etwas, das ich schon einmal zuvor gemacht habe, zum Beispiel Kindersachbücher über Tiere. Da profitiere ich dann natürlich von dem, was ich schon früher einmal recherchiert habe. Aber wenn ich das Gefühl hätte, dass ich nichts mehr lerne, sondern nur noch aus meinem Fundus heraus produziere, wäre mir bald langweilig und ich würde vermutlich den Spaß an meiner Arbeit verlieren. Das wäre dann ja, wie immer nur von sich selbst abzuschreiben. Mich und mein Umfeld bereichert es, mich jedes Mal mit großer Begeisterung auf ein neues Thema zu stürzen. Dann berichte ich allen davon, was ich wieder Spannendes herausgefunden habe. Also ich möchte das nicht anders haben für mich.  

Portugal

Der Süden Europas versorgt den gesamten Kontinent mit Obst und Gemüse.

An welchem Projekt oder welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?

Ich arbeite gerade parallel an zwei Büchern: Erstens mache ich ein neues Kindersachbuch über den Sternenhimmel. Ich lerne also gerade ganz viel über Sterne, was es für Sternschnuppenströme gibt und wann man was am Himmel sehen kann. Außerdem fange ich gerade mit einem Reiseführer für Kinder für die Ostseeküste an. Dafür werde ich den Sommer über unterwegs sein und mir viele Dinge angucken, die für Kinder interessant sein könnten. Es gibt noch ein drittes Projekt, das mich seit einiger Zeit begleitet: einen Naturblog, auf dem eine Kollegin und ich dreimal in der Woche schreiben. Dieser Blog ist aus der Idee heraus entstanden, dass wir immer wieder auf Themen stoßen, die uns interessieren, aber die wir in Büchern oder anderen Publikationen nicht unterbringen können. Meine Motivation für den Blog ist ähnlich wie für meine Bücher. Das geht dann auch wieder in die Richtung, meine eigene Neugier zu befriedigen. Wenn ich irgendetwas entdecke und denke: „Was hat es denn damit auf sich?“ – dann finde ich das für den Blog heraus.

Auf der letzten Doppelseite von „Wo kommt das her?“ gibt es ein Quiz mit 21 Fragen. Wie viele davon konnten Sie selbst auf Anhieb richtig beantworten?

Ich kann das nicht auf die Frage genau beantworten, aber ich würde sagen: Die Hälfte bis drei Viertel waren mir bekannt, und den Rest habe ich durch Recherche gelernt. Mit Sicherheit war mir vorher selbst nicht so klar, auf welche verschiedenen Arten man Salz gewinnen kann und was in einem Salzbergwerk so vor sich geht. Also da gibt es schon einige Dinge, die ich über die Arbeit am Buch gelernt habe. Und das ist schön. Man wird nicht dümmer mit solchen Dingen.

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