„Man muss einfach eine Weile gegen den Strom schwimmen“

Er hat nicht damit gerechnet, dass sein Buch „Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst“ ein Erfolg wird. Nun ist Niels Birbaumer Wissenschaftsbuch-Preisträger in der Kategorie „Medizin & Biologie“. Im Interview spricht er sich gegen den vorschnellen Einsatz von Medikamenten aus, erklärt, weshalb man als Hirnforscher einen langen Atem braucht und begründet, warum er kein Psychopath ist.

wissenschaftsbuch.at: Herr Birbaumer, im Vorwort schreiben Sie: „Die meisten Untersuchungen, von denen in diesem Buch berichtet wird, stammen aus unserer wissenschaftlichen ‚Werkstatt‘“. Wie sieht es denn in Ihrer Werkstatt aus?

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Das Buch stellt Arbeitsweisen und Erkenntnisse der Hirnforschung vor und räumt mit gängigen Vorurteilen über das menschliche Gehirn auf.

Das wird im Buch etwas oberflächlich beschrieben, weil es ein wenig kompliziert ist. Für unterschiedliche Forschungsbereiche gibt es verschiedene Werkstätten. Wir arbeiten in mehreren Laboratorien mit Großgeräten, die viele Millionen wert sind. Eines unserer Laboratorien ist mit einem Kernspintomographen ausgerüstet. Mit diesem können wir Hirnaktivitäten beobachten. Das Buch erwähnt zum Beispiel Schwerverbrecher, deren Vergehen darauf zurückzuführen sind, dass bestimmte Regionen im Gehirn nicht richtig funktionieren. Mit dem Kernspintomographen untersuchen wir diese Hirnregionen, um sie dann trainieren, also erregen oder hemmen zu können. Ähnliches geschieht in unserem Laboratorium für Magnetenzephalographie, wo wir die magnetischen Felder des Gehirns erfassen und die untersuchten Personen selbst beobachten können, wie sich diese Felder verändern. Das sind unsere Arbeitsumgebungen an der Universität in Tübingen. Daneben findet vieles direkt vor Ort bei Patienten statt. Das Buch beschreibt unsere Arbeit mit vollständig gelähmten Leuten, die an Amyotropher Lateralsklerose erkrankt sind. Diese Leute können sich nicht mehr bewegen, sie werden künstlich ernährt und beatmet. Wir gehen zu ihnen nach Hause und bauen dort ein kleines, tragbares Laboratorium auf. 

Sie geben in Ihrem Buch einige Beispiele dafür, wie sich Lernen und soziale Kontakte bei neurologischen Störungen, zum Beispiel bei Altersdemenz, heilsam auf das menschliche Gehirn auswirken können. Bedeutet das, dass zahlreiche medikamentöse Behandlungen überflüssig wären, wenn wir unsere Gehirne mehr fordern würden?

Ja genau, ich führe im Buch einige Fälle an, in denen die medikamentöse Behandlung überhaupt nichts bringt, wo man die Symptome aber durch Lernen beseitigen oder verzögern kann. Ein Beispiel ist die unbehandelbare Epilepsie: Ein Drittel aller Epileptiker spricht auf Medikamente nicht an, trotzdem verabreicht man ihnen weiterhin Berge von Medikamenten, an denen sie irgendwann einmal zugrunde gehen. Dagegen wende ich mich, und deswegen habe ich auch schon Probleme mit der Pharmaindustrie gekriegt. Ein anderes Beispiel ist der Missbrauch von Ritalin bei hyperaktiven, aufmerksamkeitsgestörten Kindern. Viele Kinder haben ja gar kein richtiges Aufmerksamkeitsdefizit. Oft reicht es schon, dass jemand einmal in der Schule nicht aufpasst, und dann greifen Ärzte und Eltern gleich zu Ritalin. Wir kennen die Langzeitfolgen dieses Medikaments noch gar nicht, aber sie sind mit Sicherheit nicht gut. Das ist eine Droge, die normalerweise Erwachsene süchtig macht, und jetzt bekommen sie schon kleine Kinder verabreicht.

Lebenslanges Lernen ist oft das beste Rezept: Wer sein Gehirn fit hält, kann sich mitunter viele Tabletten sparen.

Lebenslanges Lernen ist oft das beste Rezept: Wer sein Gehirn fit hält, kann sich mitunter viele Tabletten sparen.

Ich wende mich auch gegen die medikamentöse Behandlung von Schizophrenie. Die Pharmaka, die den Betroffenen verschrieben werden, sind nichts anderes als Ruhigstellungen, und ändern an den Problemen gar nichts. Das sind nur einige Punkte, wo ich explizit darauf hinweise, dass Pharmaka vollkommen unnötig oder schädlich sind. Wir versuchen in allen diesen Fällen, durch Lernen Besserungen zu erreichen, auch wenn das mitunter schwierig ist.

Warum gelangen trotzdem Medikamente zur Anwendung?

Erstens ist es billiger und zweitens spart es Zeit. Viele Ärzte haben keine Zeit, Lernmethoden anzuwenden, oder sie sind nicht dafür ausgebildet. Leider machen es auch die meisten Psychologen nicht. Die könnten das eigentlich, aber scheuen sich oft vor der Technik. Und ohne Technik kann man diese ganzen Lernmethoden nicht anwenden.

Wie geht es Ihnen mit Ihrer Rolle als Wissenschaftler, der die gegenwärtige Situation zwar kritisiert, aber die angesprochenen Probleme nicht lösen kann?

Sie haben Recht, bisher war der Einfluss der Forschung auf die Praxis nicht besonders groß. Aber da muss man einfach eine Weile gegen den Strom schwimmen. Es dauert eben, bis sich das Blatt wendet. Unsere Forschungsergebnisse sind in den besten Journalen publiziert; man kann sie eine Zeit lang ignorieren, aber sicher nicht auf Dauer. In manchen Bereichen kommt schön langsam etwas in Gang, beispielsweise bei der Hyperaktivität: Eltern sind besorgt, weil die Nebenwirkungen immer deutlicher zu Tage treten, und verlangen verstärkt nach nicht-medikamentösen Behandlungen.

Teile Ihres Buches lesen sich wie ein Plädoyer für lebenslanges Lernen, etwa weisen Sie darauf hin, dass es sehr wohl möglich ist, mit 75 Jahren noch eine neue Sprache zu erlernen. Ist also die Angst vor der alternden Gesellschaft übertrieben oder gar ungerechtfertigt?

Natürlich! Pharmafirmen schüren die Angst vor dem Alzheimer und behaupten, dass man die Krankheit möglichst früh erkennen sollte. Dabei ist die Früherkennung natürlich Blödsinn. Denn was haben Sie davon, wenn man Ihnen sagt: Passen Sie auf, Sie kriegen mit siebzig Alzheimer? Stattdessen könnte man Ihnen doch auch sagen: Sie haben ein hohes Risiko für Alzheimer, darum sollten Sie Ihr Gehirn jeden Tag eine Stunde trainieren! Aber das ist natürlich nicht im Sinne der Industrie, denn damit kann man kein Geschäft machen. Leider fließen 99 Prozent der Gelder für die Alzheimerforschung in medikamentöse Behandlungsverfahren oder in Früherkennungsmethoden. Es muss generell ein Umdenken einsetzen. Die kurative Einstellung, dass man alles heilen kann – vor allem, dass man alles medikamentös heilen kann – ist ein Problem. Wenn sich nichts ändert, wird das Gesundheitssystem über kurz oder lang zusammenbrechen, weil es nicht mehr bezahlbar ist. Anstatt Alarm zu schlagen und das Altern der Bevölkerung zu beklagen, sollte man lieber die Einstellung gegenüber diesem Altersprozess überdenken, und statt auf Heilen auf Lernen, auf Rehabilitation und auf frühe Kompensation setzen. Mein Argument ist: Man muss frühzeitig anfangen, intensiv zu lernen. Etwa kann man Denkaufgaben mit aktivem Musizieren kombinieren. Es gibt eine Vielzahl von kognitiven Tätigkeiten, die sich auch gut für ältere Leute eignen. Kognitive Tätigkeiten sind die einzige nachgewiesene erfolgreiche Methode gegen das Nachlassen des Gedächtnisses im Alter. Natürlich ist es angenehmer, sich einfach gehen zu lassen und zu sagen: Im Alter lässt das Gehirn nach, und das kann man nicht mehr kompensieren. Aber dafür spricht aus wissenschaftlicher Sicht absolut gar nichts. Wenn Sie sich die Hirnregionen anschauen, die mit Lernen und Hirnplastizität beschäftigt sind, werden Sie feststellen: Diese Regionen sind bis ins hohe Alter aktiv! Es stimmt, dass bei der alzheimerischen Erkrankung Hirnareale absterben, allerdings lässt sich dieses Absterben durch kognitive Trainingsmaßnahmen hinausschieben.  

Bei gesunden Menschen bleibt das Gehirn bis ins hohe Alter aktiv. Gegen fortschreitenden Alzheimer können regelmäßige Denkaufgaben helfen.

Bei gesunden Menschen bleibt das Gehirn bis ins hohe Alter aktiv. Gegen fortschreitenden Alzheimer können regelmäßige Denkaufgaben helfen.

Sie nehmen in Ihrem Buch Bezug auf zahlreiche neurologische Störungen bzw. Erkrankungen wie Schizophrenie, Wachkoma, Schlaganfall oder ADS. Was sind für die Medizin und Gesellschaft die größten neurologischen Herausforderungen der kommenden Jahre?

Das größte Problem liegt in den medizinischen Fachdisziplinen selbst, die noch in Einstellungen aus dem 19. Jahrhundert verhaftet sind. Wie angesprochen dominiert noch immer die Vorstellung, dass man in der Medizin kurativ tätig sein soll. Das kann zwar der Chirurg, aber die meisten Disziplinen in der Medizin haben mit Kuration nichts mehr zu tun. Denn die Krankheiten, mit denen wir heute konfrontiert sind, sind alle nicht heilbar. Denken Sie etwa an die Diabetes und wie sie mit Depressionen und Alzheimer korreliert: Diabetiker werden depressiv, die Depressiven kriegen den Alzheimer und haben Probleme mit ihrem Gewicht – es ist immer wieder derselbe Kreislauf. All diese Dinge sind nicht heilbar, und die sind auch nicht durch Medikamente beeinflussbar. Das weiß im Grunde jeder, der die Literatur ernsthaft studiert. Aber leider werden daraus keine Konsequenzen gezogen.

Muss also dieses Bewusstsein auch stärker im Medizinstudium verankert werden?

Ja, sicher! Ich predige schon seit vierzig Jahren, dass es in der Medizin nicht so weitergehen kann. Heutzutage beschäftigen sich die jungen Mediziner in der gesamten Ausbildung mit molekularen Mechanismen der Zellen, und lernen, Zellprozesse pharmakologisch zu beeinflussen. Nichts davon können sie in der Praxis brauchen, absolut nichts. Denn die heute dominierenden Krankheiten – von der Chirurgie und Infektionen abgesehen – sind Krankheiten, die mit Molekülen und Zellen überhaupt nichts zu tun haben. Sie sind Folgen des Alterns, des Essens oder des Bewegungsmangels. Hier darf man nicht aufgeben zu predigen. Schön langsam dringt es durch.

„Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst“ richtet sich dezidiert auch an Laien. Wie war für Sie die Erfahrung, für Nicht-WissenschaftlerInnen zu schreiben bzw. worauf mussten Sie besonders achten?

Ich habe keine Übung darin, etwas Wissenschaftliches allgemein verständlich und dabei auch noch unterhaltsam zu formulieren. Daher hat das Buch mit Jörg Zittlau einen Zweitautor. „Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst“ ist mindestens genauso sehr sein Verdienst wie meiner. Von dem Buch hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet, dass es ein Erfolg wird. Ich hatte eher erwartet, dass es ein Misserfolg wird, weil ja die Forschungsergebnisse, die in den Kapiteln präsentiert werden, nicht unbedingt populär sind. Aber das Buch ist für den Ullstein Verlag sogar ein Bestseller geworden. Natürlich freue ich mich darüber, aber das ist nicht der Zweck der Sache. Der Zweck der Sache ist, seine eigenen Gedanken in eine gewisse Ordnung zu bringen und sich so mitzuteilen, dass es ein einigermaßen belesener Mensch, der nichts mit dem Fach zu tun hat, auch verstehen kann.

Wie hat die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Herrn Zittlau zur Entstehung des Buches ausgesehen? Wir haben uns eine angenehme Umgebung ausgesucht, wo es keine Störungen durch Telefon oder Internet gab, sodass wir ein paar Tage ungestört an dem Buch arbeiten konnten. Wir haben uns zusammengesetzt, und ich habe ihm geschildert, was ich zu den einzelnen Themen wissenschaftlich zu sagen habe. Er hat meine Schilderungen auf Tonband aufgenommen und zusätzlich einige von meinen Papers gelesen. Dann hat er meine Ausführungen in eine verständliche Sprache gebracht. Ein paar Wochen später habe ich das Manuskript zum Lesen bekommen und Korrekturen vorgenommen, damit alles sachlich korrekt bleibt. Der Text, der im Buch steht, ist also primär von Jörg Zittlau formuliert und von mir korrigiert. Auf diese Art und Weise gehen wir vor, wenn wir gemeinsam an einem Buch schreiben. Diese Arbeitsweise ist sehr angenehm, und jeder von uns lernt viel vom anderen. Wir wollen demnächst ein neues Buch machen und dabei am Gegenteil von dem arbeiten, was ich in „Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst“ beschrieben habe. Das nächste Buch wird sich also mit Gehirn- und Bewusstseinszuständen befassen, die mit Leere einhergehen, in der die normalen, assoziativen Gehirnvorgänge zumindest für einige Zeit nicht arbeiten. Das kann positiv sein, etwa wenn man das Abstellen des Denkens bei der Meditation trainiert. Dass bestimmte Arten von Denkprozessen abnehmen, kann aber auch durch eine Krankheit bedingt sein, zum Beispiel durch Alzheimer.  

 

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Die einen landen im Gefängnis, die anderen machen Karriere: Psychopthie kann sich produktiv und destruktiv äußern

Sie arbeiten in Ihrem Buch die gespaltene Haltung der Gesellschaft gegenüber Psychopathie heraus: einerseits den Wunsch, Psychopathen in geschlossenen Anstalten wegzusperren, andererseits machen gerade Menschen mit psychopathischen Zügen häufig Karriere. Ist Psychopathie in gewissen Maßen doch gesellschaftsfähig?

In einer kompetitiven Gesellschaft ist Psychopathie, wenn sie mit Intelligenz und Geld gepaart ist, natürlich ein Erfolgsfaktor. Es gibt zwei Seiten. Auf der einen Seite stehen die Erfolglosen, die nicht gelernt haben, ihre schizophrenen Charaktereigenschaften in eine produktive und gesellschaftlich akzeptierte Richtung zu lenken. Diese Leute stammen meistens aus ärmeren Elternhäusern, in denen Drogen und Alkohol eine große Rolle spielen. Das sind Leute, die eher eine unzureichende Schulbildung haben, die auf die schiefe Bahn geraten und schlussendlich im Gefängnis landen. Auf der anderen Seite stehen die Intelligenten und die, die einen gesellschaftlichen und ökonomischen positiven Hintergrund haben. Diese Leute landen in der Bank oder in der Universität. Über solche erfolgreiche Psychopathen wissen wir aber praktisch nichts, denn sie sind für unsere Versuche oder Trainingsmaßnahmen nicht zu gewinnen. Wir haben das mehrfach versucht, aber sie riechen sofort den Braten und lassen sich nicht untersuchen. Sie wollen nicht erkannt werden und nichts von sich preisgeben. Natürlich wollen sie sich auch nicht ändern, warum sollten sie das auch? Sie haben mit ihrem Verhalten ja großen Erfolg.

In Ihrem Buch können die Leserinnen und Leser einen Psychopathie-Selbsttest durchführen. Wie oft haben Sie in diesem Test selbst „trifft zu“ angekreuzt?

Ich glaube, ich habe das auch in meinem Buch beschrieben: Alle Tests, die ich mit meinen Patienten oder Versuchspersonen mache, mache ich zuvor auch selbst. Also habe ich auch den Psychopathie-Test gemacht. Ich bin leider Gottes das Gegenteil von einem Psychopathen, darum bin ich wohl auch nicht so erfolgreich. In meinem Gehirn dominieren die Angstareale, ich bin eher ein ängstlicher Mensch. Die Angstareale, die bei den Psychopathen nicht funktionieren, funktionieren bei mir übermäßig gut. Dennoch habe ich mich in meiner Jugendzeit in Wien psychopathisch verhalten. Retrospektiv deute ich es so, dass ich viele meiner Verhaltensweisen als Kompensation für die Ängstlichkeit gewählt habe. Nach außen hin bin ich scheinbar in ein psychopathisches Verhalten abgerutscht, was dann zu Kriminalität geführt hat. Das hat erstens meine Angst reduziert und mir zweitens soziale Anerkennung gebracht. Soziale Anerkennung bekommen Sie als kleiner pubertierender Junge ja nicht für Angst, sondern für Angstlosigkeit. Mein Misserfolg als Verbrecher war schon mit fünfzehn wieder besiegelt. Auch das zeigt, dass es sich hier um keine dauerhafte Persönlichkeitseigenheit gehandelt hat, sondern dass es ein Kompensationsverhalten war. Als mich mein Vater aus der Schule im dritten Bezirk herausgenommen hat und ich in eine andere Schule im ersten Bezirk gegangen bin, hat sich mein Verhalten von einem Tag auf den anderen genau ins Gegenteil gewendet. Das wäre bei einem Psychopathen nicht denkbar.

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