„Unser Umgang mit Natur ist immer auch politisch“

Verena Winiwarter hat gemeinsam mit Hans-Rudolf Bork das Siegerbuch in der Kategorie „Naturwissenschaft & Technik“ geschrieben. Im Interview macht sie sich für Bürgerkraftwerke stark, appelliert an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, mit Menschen anstatt bloß über sie zu forschen, und erklärt, weshalb man unbedingt alle sechzig Forschungsberichte aus der „Geschichte unserer Umwelt“ lesen sollte.  

Coverausschnitt_Geschichte-Umweltwissenschaftsbuch.at: Frau Winiwarter, in Ihrem Buch nehmen Sie die Leserinnen und Leser mit auf eine Zeitreise quer über alle Kontinente und durch verschiedene Epochen. In welche Zeit und an welchen Ort reisen Sie persönlich am liebsten (zurück) und warum?

Ich gehe mit meiner Familie sehr gerne in den Alpen wandern. Dazu haben wir keine Geschichte in unserem Buch, aber das Zentrum für Umweltgeschichte an der Alpen-Adria-Universität befasst sich mit der Geschichte des alpinen Schitourismus durchaus. Ich fahre immer wieder gerne nach Vorarlberg, wenn auch mehr der Musik als des Schifahrens wegen. Eine der vielen Geschichten für das Buch, für die leider kein Platz mehr war, war die der Kartoffelfäule in Irland. Hätten wir sie geschrieben, wäre das einer jener Orte, an den ich gerne zurückkommen würde. Warum? – Weil ich das Meer ebenso liebe wie die Berge, und die Klippen auf den Aran-Inseln beim Hügelfort Dun Aengus zu den beeindruckendsten Landschaften zählen, die ich kenne. Früher wurde von der Klippenoberkante aus sogar gefischt. Die Inseln zählen zu jenen europäischen Landschaften, die am längsten in Subsistenzwirtschaft verblieben sind – das wäre auch für unsere langfristigen Forschungen zur Nachhaltigkeit von Landnutzungssystemen interessant.

  Als Umwelthistorikerin befassen Sie sich mit den Beziehungen früherer Kulturen zu ihrer Umwelt und schätzen daraus die Folgen unseres heutigen Lebensstils für künftige Generationen ab. Was sind die größten Fehler der Menschheit im Umgang mit der Natur, aus denen wir für Zukunft lernen können – oder gar müssen?

Dazu weiß der WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der deutschen Bundesregierung für globale Umweltveränderungen, Anmerkung) mehr als ich. Das hervorragende Jahresgutachten 2011 spricht von einer großen Transformation, die nötig ist, wenn wir eine nachhaltige Gesellschaft haben wollen. Darin wird der Mangel an zivilgesellschaftlichem Engagement ebenso angesprochen wie die Staaten, die ihrem Auftrag, das Volk zu vertreten, besser gerecht werden müssen. Allerdings ist dieser Entwurf so wie viele andere normativ, er sagt, was sein soll, aber nicht, wie man dorthin kommt. Ich könnte Ihnen eine lange Liste von problematischen Entwicklungen nennen, aber es gibt etwas Wichtigeres als das, nämlich eine Idee über den Weg dorthin: Wir könnten aus der (Umwelt-)Geschichte lernen, dass Ressourcen, insbesondere Energie, mit Macht gekoppelt sind. Wir sollten uns darüber klar werden, dass wir uns durch dezentralisierte, von Bürgerinnen und Bürgern gemachte Solarenergieversorgung ermächtigen könnten, unsere Zukunft in die Hand zu nehmen. Unser Umgang mit Natur ist immer auch „politisch“ in dem Sinn, dass unser Verhältnis zur Natur gesellschaftsbestimmend ist. Das heißt, politisches und/oder zivilgesellschaftliches Engagement ist eine Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung.  

solarenergieDas Vorwort Ihres Buches bezieht sich auf die EU-Strategie „Europa 2020“, die sich zum Ziel gesetzt hat, eine gerechtere Welt mit guter Lebensqualität für alle zu schaffen. Im Schlusskapitel heißt es jedoch ernüchternd: „Experten machen keine besonders glorreiche Figur bei der Schaffung lebenswerter Welten“. Wie beurteilen Sie die Rolle der Wissenschaft, wenn es um die Verbesserung von Lebensbedingungen und um nachhaltige Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt geht?

Die Rolle der disziplinären Wissenschaft ist sicher ambivalent, insbesondere dann, wenn sie innerhalb von gesellschaftlichen Strukturen agiert, ohne diese zu reformieren. Dann bekommen wir nur jene wissenschaftlichen Ergebnisse, die das herrschende, keineswegs nachhaltige System stützen. Ein Paradigmenwechsel zur transdisziplinären Wissenschaft, die Menschen außerhalb des Wissenschaftssystems zu Beteiligten macht, ist gerade im Gange, und ich bin sehr glücklich, in einer Pionierinstitution einer solchen Wissenschaft arbeiten zu können. Wir haben vor kurzem auch versucht, unsere Erfahrungen damit als Fakultät in Buchform zur Verfügung zu stellen, und ich arbeite auch deshalb als Herausgeberin bei einer transdisziplinären Zeitschrift mit, weil ich glaube, dass das die Zukunft sein wird. Dann sind wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht mehr „Experten“ von außen, sondern wir stellen das, was wir können, für gemeinsame Prozesse zur Verfügung. Unsere Stärke, nämlich systematisch Wissen zu erarbeiten und neue Fragen zu stellen – auch die, die für das politische System unbequem sind – wird dabei wirksam. Wir forschen dann nicht über, sondern mit Menschen, und das ist der beste Schutz davor, dass wir mit Halbwissen schlechte Ratschläge geben.

Sie sind die bislang einzige Professorin für Umweltgeschichte in Österreich. Wie wird sich Ihre noch junge Disziplin in den nächsten zehn Jahren entwickeln?

Als Historikerin weiß ich, wie schlecht wir Menschen beim Prognostizieren der Zukunft sind. Ich finde es sehr erfreulich, dass sich die Umweltgeschichte bei uns in Österreich so gut entwickelt: Mit Patrick Kupper in Innsbruck, wo auch die historisch und sozialwissenschaftliche höchst interessierte Glaziologin Andrea Fischer forscht, mit Reinhold Reith und seinem jüngst berufenen Kollegen Martin Knoll, mit den historisch arbeitenden Kolleginnen und Kollegen an der BOKU, namentlich Gertrud Haidvogl und Severin Hohensinner, und nicht zuletzt mit dem Zentrum für Umweltgeschichte an der AAU, wo ja mit Martin Schmid, Fridolin Krausmann, Veronika Gaube und Simone Gingrich mehrere Personen mit verschiedenem fachlichen Hintergrund dezidiert die Interessen der sozial-ökologischen Langzeitforschung verfolgen, und mit Günter Blöschl, der auf der TU Wien eine sozial-hydrologische Forschung vorantreibt, weil Betonieren allein gegen Hochwasser nicht hilft, sind wir inzwischen auf der umwelthistorischen Forschungslandkarte Europas kein weißer Fleck mehr, wenngleich wir mit Zentren wie dem Rachel Carson Center in München noch nicht mithalten können. Dabei habe ich viele weitere Kolleginnen und Kollegen noch gar nicht genannt, sondern mich auf die Orte beschränkt, wo Umweltgeschichte institutionell zumindest ein wenig abgesichert ist. Knoll und Kupper sind zwar nicht Professoren für Umweltgeschichte direkt oder allein, aber das hat auch seine guten Seiten: Der Aspekt Umwelt gehört ja überall dazu und wird damit in andere Bereiche hineingetragen.

Sie nennen die einzelnen Kapitel Ihres Buches „Forschungsreiseberichte“. Was waren für Sie die Herausforderungen, Ihre Forschung in einem Buch für ein breites Publikum zu beschreiben bzw. worin liegen die Unterschiede zu herkömmlichen Forschungsberichten, die sich an Fachkolleginnen und -kollegen richten?

Die gestalterische Herausforderung ist „Kürze und Würze“ bei kompromissloser Wissenschaftlichkeit. Eine inhaltliche Herausforderung war es, möglichst viele positive Beispiele anzubieten. Wir wollten auch illustrative Bilder finden. Dabei gerät man an die ökonomischen Grenzen der Wissenschaft: Bildrechte sind teuer, und für wissenschaftliche Publikationen eigentlich nicht leistbar. Wir haben trotzdem einen sehr schön illustrierten Band gemacht. Das war eine Herausforderung, die wir gemeistert haben.  

kaffeeWelchen der insgesamt sechzig Forschungsreiseberichte aus Ihrem Buch sollte man unbedingt gelesen haben?

Alle natürlich. Wir haben uns schon schwer genug getan, diese sechzig auszusuchen. Wir haben einige weitere, um die uns besonders leid tat, und die schon fertig waren, als Zusatzleistung auf den Webseiten des Verlags verfügbar gemacht. Aber wenn Sie mich fragen, mit welchen Sie anfangen sollen, dann empfehle ich Ihnen aus dem ersten Kapitel „Tod und Verderben in Europa“, weil diese Geschichte durch den monatelangen Ausbruch der Holuhraun-Spalte in Island, die oft als Ausbruch des Bardabunga bezeichnet wird, gerade an Aktualität gewonnen hat. „Die Wässerwiesen von Grönland“ sind ein überraschendes Positivbeispiel aus dem zweiten Kapitel. Im Gegensatz zu anderen sehen wir die Anpassung der Grönländer an ihren Lebensraum als jahrhundertelange Erfolgsgeschichte. Hans-Rudolf Bork hat dort, ebenso wie auf São Tomé und Príncipe sowie auf der Osterinsel, eigene Feldforschungen gemacht, die hier verarbeitet sind. Das dritte Kapitel handelt von jener Technologie, deren Folgen für die Umwelt immer noch unterschätzt werden, dem Transport. Die „Transformation des Victoriasees“ führt nach Afrika und geht den Spuren kolonialer Eisenbahnverbindungen nach.  Eine Geschichte aus dem vierten Kapitel auszuwählen, fällt mir besonders schwer. Koloniale Ausbeutung ist unter den schlimmsten umweltzerstörenden Aktivitäten. Sie kommt in vielerlei Kleidern. „Wie eine Insel auf den Hund kam“ erzählt von Tasmanien und damit von einem der exotischeren Orte, zu denen wir Forschungsberichte anbieten. Aber ebenso sehr liegt mir mit „Unterseekabel und Tropenwald“ die Geschichte der Guttapercha am Herzen. Eine Tiergeschichte, eine Pflanzengeschichte, das wäre ja ein Grund, jedenfalls zwei zu lesen. Im nächsten Kapitel geht es um die Plagen der industriellen Lebensweise. Da haben Sie die Wahl zwischen brennenden Flüssen, die so lange kein Grund zum Einschreiten sind, als der Glaube an den Fortschritt noch ungebrochen ist, und „Stalins ‚Großbauten des Kommunismus‘“, da geht es um die gewaltförmige Umgestaltung riesiger Landstriche, vor allem um Wasserkraftwerke. „Agent Orange und der Vietnamkrieg“ aus dem sechsten Kapitel empfehle ich als Einstieg, weil es noch einen weiteren Kontinent auf die Leseliste bringt. Das Gute an unserem Buch: jede Geschichte ist nur eine Doppelseite lang, das geht sich bei einer Tasse Tee oder Kaffee fast schon aus. Sie müssen nur die Reihenfolge auswählen!

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Das Interview fand aus Zeitgründen schriftlich statt.